Die österreichische Schauspielerin Maria Happel zählt seit Jahren zu den prägenden Persönlichkeiten im deutschsprachigen Theater. Bekannt für ihre enorme Wandlungsfähigkeit, ihre Arbeit als Hörspielsprecherin sowie ihre Rolle in der ORF-Serie Soko Wien, überzeugt sie aktuell auch als Claire Zachanassian in Der „Besuch der alten Dame“. Kurz vor der Dernière in Recklinghausen gab sie Einblicke in ihren Werdegang und ihre künstlerische Haltung. Wir treffen uns im Foyer des Ruhrfestspielhauses.

Der Wunsch, Schauspielerin zu werden, war für sie zunächst weniger eine klare Entscheidung als vielmehr ein vager Traum: „Eine Leidenschaft glaube ich nicht, aber ein Traum war es sicherlich. Aber ich hatte nicht so viele Möglichkeiten zu wissen, was zu tun ist, um dahin zu gelangen. Und über Zufälle und hauptsächlich über meine Lehrer hat sich dieser Weg dann doch irgendwann geebnet.“ Dass sie schließlich auf der Bühne landete, war also keineswegs vorgezeichnet. Ursprünglich zog es sie sogar ins Musicalfach: „Ich bin nach Hamburg gegangen auf eine Musicalschule und habe mich dann doch relativ schnell für die Menschendarstellung interessiert und nicht so sehr für die Darstellung von Katzen oder Eisenbahnwaggons“, sagt sie mit einem Augenzwinkern.

Gerade diese Hinwendung zur „Menschendarstellung“ prägt ihre Arbeit bis heute – unabhängig vom Medium. Im Hörspiel etwa eröffnen sich für sie ganz eigene Möglichkeiten. Auf meine Frage, ob sie ihre Stimme anders einsetzen müsse als auf der Bühne sagt sie: „Nein, überhaupt nicht. Aber die Fantasie ist eine andere. Ich kann im Hörspiel durchaus groß und dünn und blond sein, was natürlich beim genauen Hinschauen nicht funktioniert. Aber das ist nochmal eine andere Möglichkeit, was man da einfach herstellen kann in der Fantasie.“

Neben ihrer Schauspielkarriere arbeitet Happel auch als Regisseurin – eine Perspektive, die sie jedoch bewusst zurückstellt, wenn sie selbst auf der Bühne steht: „Das schalte ich komplett aus, soweit das möglich ist. Natürlich gibt es dann auch Situationen, wo ich sage, so würde ich es auf keinen Fall machen oder ich würde es anders machen. Und wenn das ein toller Regisseur ist, dann sind diese Gespräche durchaus fruchtbar. Aber im Prinzip trete ich als Schauspielerin an und nicht als Regisseurin. Das ist eine ganz andere Vorbereitung.“ Die Zusammenarbeit mit Regisseur Frank Hoffmann beschreibt sie entsprechend positiv: „Das war eine sehr gute Zusammenarbeit. Zum Beispiel hat es da diese Gesprächsbereitschaft gegeben und das fand ich ganz toll.“

Auch im Umgang mit Dürrenmatts Vorlage fand sie ihren eigenen Zugang – zwischen Werktreue und neuer Interpretation: „Es ist allerdings so, dass das Original ist das Original und Frank Hoffmann hat gemeinsam mit dem Dramaturgen eine neue Fassung erarbeitet. Diese Fassung war für uns dann quasi die Partitur – aber natürlich habe ich auch das Original heimlich gelesen. So wie die verbotene Zeitschrift dann ab und zu mal unten rausgezogen.“ Dass ein Stück aus den 1950er-Jahren heute noch aktuell wirkt, überrascht sie nicht: „Das Theater entwickelt sich ja permanent. Die Darstellungsform oder die Darstellungsweise gegenüber den 50er und 60er Jahren hat sich natürlich verändert. Sicherlich gibt es Dinge, die ändern sich nie im Leben. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist der optimale Entwurf von Billy Wilder für den ultimativen Film. Er hat es geträumt und ist nachts aufgestanden und hat es aufgeschrieben, damit er diese Idee nicht vergisst. Und ist am Morgen aufgestanden und hat diesen Zettel auf dem Schreibtisch gefunden und da drauf stand, Mann liebt Frau. Also das sind Dinge, die ändern sich einfach nicht, auch am Theater nicht.“

Auch gesellschaftliche Fragen wie Schuld und Gerechtigkeit, die im Stück zentral sind, haben für Happel nichts an Relevanz verloren: „Also wenn einem jungen Mädchen, einem 17-jährigen Mädchen, in welcher Form auch immer Leid zugefügt wird, ist das irgendwann verjährt oder gibt es das überhaupt, dass es verjährt? “ Kritisch äußert sich die Schauspielerin über strukturelle Ungleichgewichte in ihrem Beruf: „Es drängen viel mehr junge Mädchen zum Schauspielberuf als Männer. Am Theater ist es aber so, dass man immer noch mehr Männer braucht als Frauen. Die wirklich großen Rollen, sind Männerrollen. Also das Verhältnis ist eins zu sieben.“ Für Schauspielerinnen werde es mit zunehmendem Alter schwieriger, interessante Rollen zu finden: „Wenn Schauspielrinnen älter werden, dünnen sich die Rollen aus. Dann müssen wir auf Männerrollen, auf Hosenrollen zurückgreifen.“ Gleichzeitig sieht sie aber auch positive Entwicklungen: „Wo verstärkt immer mehr Frauen fürs Theater schreiben, ist die Wahrscheinlichkeit oder die Chance, dass es auch wunderbare Rollen für ältere Schauspielerinnen geben wird, gegeben.“

Nach den intensiven Proben und Aufführungen bei den Ruhrfestspielen bleibt wenig Zeit zum Durchatmen: „Es war jetzt ein unglaublicher Marathon und ich habe das Gefühl, ich habe die letzten gefühlten zwei Monate nichts anderes getan als den Besuch der alten Dame vorzubereiten.“ Von Recklinghausen selbst hat sie daher kaum etwas gesehen: „Nichts, außer dem Hotel und dem Schalke-Fanshop.“ Weil ihr Mann ein großer Fan ist und sie ihm die eine oder andere Überraschung mitbringen möchte. Und auch nach der letzten Vorstellung geht es nahtlos weiter: „Ich fliege morgen direkt nach Graz, weil ich dort wieder eine Leiche aus der Mur ziehe. Die Dreharbeiten für Soko Wien haben wieder begonnen.“