„Meine Jugendzeit war eigentlich mehr oder weniger wie aller anderen Durchschnittsnigerianer.“ Ich treffen Michael Ojake an der Halle König Ludwig in Recklinghausen. Er arbeitet in Berlin als Schauspieler und Synchronsprecher. Jetzt hat er sein erstes Theaterstück geschrieben und es ist noch ein Tag bis zur Premiere. Wir setzen uns in die Sonne und er beginnt zu erzählen. „Wenn ich meine Nervosität verkaufen könnte, wäre ich morgen Milliardär“, lacht Michael Ojake auf meine Frage, ob er vor der Premiere nervös sei.

Wenn er von seiner Kindheit spricht, klingt das ruhig, fast nüchtern. „Geboren 1961 in Lagos, ich komme aus einem armen, familiären Hintergrund. Das Leben war kein Paradies. Aber wir hatten zu essen, wir konnten zur Schule gehen und wir hatten gute Freunde. Die Nachbarschaft war super.“

Die großen politischen Umbrüche jener Zeit blieben für ihn zunächst im Hintergrund. Auf meine Frage ob er von der Unabhängigkeit Nigerias etwas mitbekommen habe antwortet er knapp: „Nicht viel.“ Stattdessen prägte ein anderes Ereignis seine Kindheit viel stärker: der Biafra-Krieg. „Als ich zur Schule gegangen bin, war Nigeria in diesem Bürgerkrieg… man hatte mehr davon gehört als andere Sachen über Nigeria.“ Selbst in Lagos, wo die Kämpfe nicht direkt stattfanden, war der Krieg präsent. „Wir haben als Kinder kleine Soldaten gespielt.“ Der Alltag der Kinder spiegelte das wider, was sie hörten und sahen. „Dieser Bürgerkrieg hat fast alles überschattet.“

Dass er einmal auf der Bühne stehen würde, war keineswegs geplant. „Mein Traumberuf war es, Journalist zu werden.“ Der Weg zur Schauspielerei begann eher zufällig als aus Überzeugung. Als ein Austauschprogramm zwischen Nigeria und Bulgarien ausgeschrieben wurde, ließ er sich zur Bewerbung überreden. „Ich hatte keine Vorstellung, dass ich irgendwann Schauspieler werde… ich habe mich einfach beworben, mehr oder weniger aus Spaß.“

„Ich bin dann im Oktober 1983 nach Bulgarien gegangen für mein Theaterstudium Hochschule für darstellende Künste in Sofia .“ Fünf Jahre blieb er dort, kehrte nach Nigeria zurück, absolvierte dort seinen Wehrdienst – und landete schließlich in Deutschland. Dass er blieb, war eigentlich nicht geplant. „Ich wollte eigentlich zurück nach Bulgarien…“ Doch ein Sommerjob in Berlin wurde zum Wendepunkt. „Meine damalige Freundin hat vorgeschlagen, dass ich nach Berlin komme, für warme Kleidung und Bücher.“ Dann lacht er und ergänzt trocken: „Ja, ich arbeite eigentlich immer noch für diese warme Kleidung und Bücher.“

In Deutschland musste er schnell feststellen, dass Talent allein nicht ausreicht. „Es ist schon schwierig. Nicht nur als Nigerianer. Als schwarzer Schauspieler ist es nicht einfach.“ Besonders frustrierend findet er besonders eins: „Man bekommt mehr oder weniger immer dieselben Rollenangebote.“

Mit seinem ersten eigenen Theaterstück „Ein Spiel namens Mut“ geht er nun einen neuen Schritt – als Autor und Regisseur zugleich. Die Geschichte ist nah an der Realität vieler Menschen: „Es geht um einen jungen Afrikaner, der nach Europa kommt, um seine Lebensträume in Erfüllung zu bringen.“ Doch der Traum zerbricht schnell. „Er ist illegal angekommen… während sein Antrag auf Asyl bearbeitet wird, fängt er an, illegal zu arbeiten. Und er wird dabei erwischt. Und da geht das Drama los.“

Der Auslöser für das Stück ist ein erschütterndes Ereignis: „2005 wurde ein junger Asylsuchender in einer Polizeizelle verbrannt… man behauptet, er hätte Selbstmord begangen. Und das ist der Auslöser dieses Stückes.“ Seine eigenen Erfahrungen fließen dabei unweigerlich in das Stück ein. Besonders die subtilen Formen von Ausgrenzung haben ihn geprägt: „Man lernt, dass man manchmal nicht ernst genommen wird.“
Wenn er über Migration und globale Ungleichheit spricht, wird sein Ton schärfer. „Ich finde es eine große Verlogenheit in der Asylpolitik.“ Seine Kritik richtet sich nicht nur an Deutschland, sondern an den Westen insgesamt: „Dass Länder arm gemacht werden von Europa.“ Er beschreibt die wirtschaftlichen Verflechtungen nüchtern, fast sachlich: „Alle großen Firmen in Nigeria sind europäische Firmen… es ist überall in Afrika so.“ Gleichzeitig kritisiert er die Wahrnehmung in Europa: „Wenn zwei Afrikaner hier Teller waschen, ist das für viele schon zu viel.“ Sein Fazit ist eindeutig: „Ich finde das sehr gefährlich.“

Kurz vor der Premiere seines Stücks ist die Anspannung groß. Dennoch sieht er seine Doppelrolle als Vorteil. „Ich kann die Fragen der Schauspieler besser verstehen. Das aber lange nicht, dass ich ein besserer Regisseur bin.“ Am Ende geht es ihm vor allem um eines: „Ich denke, man soll Geschichten erzählen.“ Für ihn ist das mehr als ein Beruf, es ist eine Berufung.
Auch in Zukunft will er genau das tun. „Ich hoffe, dass ich noch ein paar Sachen schreiben kann.“ Vieles ist offen, manches ungewiss – aber die Richtung stimmt. „Ich schreibe gerne und ich lese gerne.“
Am Ende unseres Gesprächs lädt er mich noch ein die Generalprobe zu sehen und ich bin tief beeindruckt von der emotionalen Tiefe des Stücks.