Ich hatte das Glück, Claudias Weg in die Kunst hautnah mitzuerleben. Es begann nicht mit einem klaren Plan, nicht mit einer Idee, die bis ins Detail durchdacht war, sondern mit einem Gefühl. Bei ihr war und ist das Malen ein Prozess, der sich entwickelt – zuerst „zaghaft, vorsichtig, tastend und dann mit großer Leidenschaft“, wie sie sagt.
Dabei kam die Malerei vergleichsweise spät in ihr Leben. Zwar hatte sie sich schon lange mit kreativen Dingen beschäftigt, doch erst 2017 wurde daraus etwas Konkretes. Auslöser war die Begegnung mit der Künstlerin Lucia Zipperl. Sie ermutigte Claudia, es einfach auszuprobieren. Ein kleiner Impuls, der eine große Wirkung hatte. Denn das eigentliche Hindernis lag nicht im Können, sondern im Zweifel daran. Die Vorstellung, nicht malen zu können, saß tief – und musste erst überwunden werden. Und dann war es sofort klar, dass sie in die abstrakte Malerei wollte. Denn es ging ihr um mehr als Gegenständliches zu malen.

„Die Malerei ist die unmittelbarste Form meine Gefühle auszudrücken. Es berührt mich tief im Innersten, wenn ich male. Da merke ich, dass Sachen einen Ausdruck finden, Gefühle, die ich teilweise noch gar nicht wahrgenommen habe suchen ihren Weg und finden ihn auf der Leinwand. Und dann bin ich manchmal überrascht bis hin zu erschrocken, was da gerade auf der Leinwand auftaucht. Das finde ich extrem spannend und bereichernd“, sagt sie.
Und genau darin liegt der Reiz: dass etwas sichtbar wird, das vorher keinen Namen hatte. Auch formal bewegt sich ihre Arbeit nicht in klaren Grenzen.
„Es war klar, dass die Sehnsucht in der Malerei lag, aber dass die Malerei nie mit Pinsel und flach auf der Leinwand stattfindet, sondern dass es immer eine dreidimensionale bis hin zu einer räumlichen Komponente hat.“

Ihre Bilder entwickeln Tiefe, Struktur, fast etwas Körperliches. Sie spricht selbst von einer skulpturalen Dimension – ohne sich jemals wirklich der Bildhauerei zuzuordnen. Es bleibt Malerei, aber eine, die in den Raum greift. Dabei ist ein entscheidender Faktor das Material, das sie verwendet. Die Grundlage ihrer Arbeiten bildet oft Marmormehl, weil es Strukturen ermöglicht, die lebendig wirken, manchmal aufbrechen, Risse bilden. Dazu kommen Stoffe, die man in der klassischen Malerei kaum erwarten würde:
„Das kann ein Bentonit sein, das kann ein Ton sein, das kann Kaffeemehl sein, aber auch Erde, die ich mir mitbringe aus allen möglichen Winkeln der Welt, wo ich unterwegs bin und wo ich dann eine Probe mit nach Hause nehme.“ Diese Materialien sind nicht nur Mittel zum Zweck. Sie tragen etwas in sich – Erinnerungen, Orte, Energie. „Wie zum Beispiel eine Alge, die ich am Strand finde, so eine ledrige Braunalge, die eingebaut wird und dann doch ihre Form verliert, ihre Energie aber an das Bild abgibt und im Untergrund einfach mitspielt. Und das beeinflusst natürlich mein weiteres Handeln mit dem Bild.“

Ähnlich ist auch ihr Umgang mit Farbe. Früh beginnt sie, mit Pigmenten zu arbeiten und ihre Farben selbst herzustellen.
„Es gibt ganz viele alte Pigmente, Erdpigmente, zum Beispiel Ocker. Wenn man jemals in der Provence oder im Rousselillon war, dann weiß man, dass man da eine große Bandbreite von Gelb bis Rot über Braun findet.“
Aber auch die modernen Pigmenten findet sie wunderschön, „weil die halt einfach eine unheimliche Tiefe und Brillanz haben.“ Die Entscheidung für eine Farbe fällt dabei selten rational. Sie entsteht aus dem Moment heraus. Aus einer Stimmung, aus einem inneren Zustand.

Erst danach kommt eine zweite Ebene hinzu – eine Phase, in der das Bild weiterentwickelt wird, in der Kombinationen entstehen.
„Genauso intuitiv wie das Bild in seiner Struktur entsteht, genauso intuitiv ist dann eigentlich auch meine Farbwahl hinterher, zumindest was die Grundfarbe oder die Grundfarben angeht. Und auch da sind wir wieder an dem Punkt, wie drücke ich meine Gefühle aus.“
In den letzten Jahren hat sie sehr viel über Farben gelernt und somit ihr Wahrnehmungsspektrum erweitert, und damit zu arbeiten. Was passiert mit dem Bild oder der Ausstrahlung des Bildes, wenn sie eine deckende oder lasierende Farbe nimmt, und ob sie die Farbe zart oder massiv einsetzt. „Da ist eine Bandbreite drin, die unfassbar groß ist.“

Trotz dieser sehr persönlichen Arbeitsweise verzichtet sie darauf, ihren Bildern eine feste Bedeutung zu geben. Sie versteht ihre Kunst nicht als Botschaft, sondern als Angebot.
„Das ist ja das Schöne an abstrakter Malerei, dass sie die Freiheit gibt. Sie gibt mir die Freiheit, meine Gefühle auszudrücken und es gibt dem Betrachter die Freiheit, seine Dinge in dem Bild und seine Gefühle zu dem Bild zu entdecken.“

Trotz ihrer eigenen Art der Malerei, gibt es natürlich Einflüsse anderer Künstler, die sie geprägt haben, ohne dass sie ihnen nacheifern möchte. Vincent van Gogh gehört dazu, vor allem wegen seiner intensiven, pastösen Malweise.
„Den zweiten, den ich noch gar nicht so wahnsinnig lange kenne, aber unglaublich, tatsächlich auch inspirierend finde, ist Anselm Kiefer, weil ich bei ihm einen Tag lang vor bestimmten Bildern stehen und mich darin verlieren kann, weil die einfach so eine Magie haben.“

Anselm Kiefer beeindruckt sie durch seinen radikalen Umgang mit Materialien und seine Unerschrockenheit im Prozess. „Er arbeitet ja auch viel mit Naturmaterialien, mit Verbrennen, mit Draufkleistern, sag ich mal, Auftrag, Abtrag, Hin, Her. Das hat eine im besten Sinne des Wortes große Respektlosigkeit, die aber dann letztendlich in etwas, glaube auch, sehr Respektvollem mündet.“
Marc Chagall ist der Dritte im Bunde. Er steht für etwas ganz anderes: für Leichtigkeit, für erzählerische Tiefe, für Bilder, die ganze Welten in sich tragen.
„Er ist eigentlich fast das Gegenteil von Anselm Kiefer. Er ist die Feinsinnigkeit pur. Seine Bilder, gerade die großen Bilder, die ich auch kennenlernen durfte, erzählen unfassbar verwobene Geschichten. So könnte ich nie malen, aber ich bin sehr, sehr beeindruckt, natürlich von der Technik, das ist keine Frage. Aber eben auch von diesem Menschen dahinter, der es schafft, seine Gedanken und seine Gefühle auszudrücken und solche wunderbaren Sachen zu erschaffen.“

Nach ihrer sehr erfolgreichen Gemeinschaftsausstellung „Beziehungen“ zusammen mit der Bildhauerin Maria Eggenkämper in der Maschinenhalle Scherlebeck im März 2026, stehen weitere Ausstellungen an, neue Begegnungen, neue Kontexte. Für sie ist dabei vor allem der Austausch spannend: zu sehen, wie andere Menschen ihre Bilder wahrnehmen, was sie darin entdecken.
„Denn dieses Gucken und darüber sprechen, wer was sieht, empfindet, entdeckt in den Bildern. Darauf freue ich mich.“
Und doch bleibt der wichtigste Ort ihr Atelier. Dort, wo nichts festgelegt ist. Dort, wo Dinge entstehen dürfen, ohne dass sie sofort erklärt werden müssen. Vielleicht ist genau das der Kern ihrer Arbeit: nicht zu wissen, was am Ende herauskommt – und gerade darin weiterzugehen.

Weitere Infos: https://cf-kunst.de/